Abhängig ohne es zu wissen: Digitale Souveränität für den Berliner Mittelstand

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Abhängig ohne es zu wissen: Digitale Souveränität für den Berliner Mittelstand

Kevin Hofius | 29.05.2026

Lesedauer: 7 min

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Abhängig ohne es zu wissen: Digitale Souveränität für den Berliner Mittelstand

 

Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Ein Berliner Handwerksbetrieb nutzt seit Jahren dieselbe Cloud-Software für Angebote, Rechnungen und Kundendaten. Die Software ist günstig, läuft stabil, und das Team kennt sie in- und auswendig. Dann kommt eine E-Mail: Das US-amerikanische Unternehmen, das die Software zur Verfügung stellt, zieht sich aus dem deutschen und europäischen Markt zurück und stellt künftig den Support ein. 

In einem Hotel die Straße runter erklärt währenddessen die Betreiberfirma der Buchungssoftware, dass künftig eine (zumindest fragwürdige) Implementierung von KI in allen Softwarepaketen vorgesehen ist und deshalb Preissteigerungen ins Haus stehen. Wer weiterarbeiten möchte, soll auf das neue Paket umsteigen. Zum 1,5-fachen Preis. Über die Verwendung der Buchungsdaten in der neuen KI-Umgebung gibt es zudem wenig transparenten Einblick.

Diese Szenarien sind keine Zukunftsvision. Sie passieren täglich und treffen nicht nur Konzerne oder Behörden, sondern auch Steuerberatungskanzleien in Charlottenburg, Pflegedienste in Neukölln, Architekturbüros in Mitte. Kurz: den Berliner Mittelstand. 

Was bedeutet Digitale Souveränität überhaupt?

 

Der Begriff klingt abstrakt, meint aber etwas Konkretes: die Fähigkeit von Einzelpersonen, Unternehmen und Staaten, digitale Technologien selbstbestimmt, sicher und unabhängig zu nutzen. Und zwar so, dass man nicht dauerhaft von einzelnen Anbietern, Plattformen oder fremden Rechtssystemen abhängig ist. Das Weizenbaum-Institut für die vernetzte Gesellschaft, eines der führenden deutschen Forschungsinstitute zu Fragen der Digitalisierung, beschreibt digitale Souveränität als mehrdimensionales Konzept: Es geht um Datensouveränität (Wer hat Zugriff auf welche Daten?), um technologische Souveränität (Welche Infrastrukturen und Standards liegen zugrunde?) und um operative Souveränität (Kann ich den Anbieter wechseln, wenn ich es möchte?). [Quelle] 

Diese drei Dimensionen sind nicht unabhängig voneinander. Wer seine Daten in einer proprietären Cloud speichert, verliert oft gleichzeitig operative Kontrolle und bemerkt es erst dann, wenn ein Wechsel schmerzhaft oder teuer wird. Die Bundesdruckerei, die als Bundesunternehmen selbst an sicherer digitaler Infrastruktur arbeitet, bringt es auf den Punkt: 

Digitale Souveränität bedeutet nicht, auf moderne Technologie zu verzichten. Es bedeutet, informierte Entscheidungen darüber zu treffen, welche Technologie man nutzt – und zu wessen Bedingungen. [Quelle] 

Warum das auch Ihren Betrieb betrifft

 

Man könnte meinen: Digitale Souveränität ist ein Thema für die EU-Kommission, für Rüstungskonzerne oder zumindest für Unternehmen mit einer eigenen IT-Abteilung. Nicht für den Handwerksbetrieb mit zwölf Mitarbeitenden oder die Unternehmensberatung mit drei Gesellschafterinnen. Doch diese Annahme ist ein Problem.

Kleine und mittelständische Unternehmen sind in der Regel stärker abhängig von einzelnen Softwarelösungen als große Konzerne und gleichzeitig weniger gut aufgestellt, um mit plötzlichen Preisänderungen, Datenschutzbedenken oder Anbieterwechseln umzugehen. Sie haben keine Verhandlungsmacht gegenüber den großen Softwareunternehmen. Sie haben keine Rechtsabteilung, die Verträge mit außereuropäischen Cloud-Anbietern auf DSGVO-Konformität prüft. Und sie haben selten die Zeit, sich mit Fragen zu beschäftigen, die nicht unmittelbar brennen.

Dabei sind es genau diese Unternehmen, die die Angriffsfläche für drei zentrale Risiken bieten:

Drei Dimensionen heruntergebrochen auf den Alltag 

  1. Wessen Daten sind das eigentlich? 

    Kundendaten, Lieferantenverträge, Gehaltsabrechnungen, Gesundheitsdaten die meisten kleinen Betriebe verarbeiten täglich personenbezogene Daten, ohne sich intensiv damit zu beschäftigen, wo diese gespeichert sind und wer theoretisch Zugriff hat. Die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) schreibt vor, dass personenbezogene Daten von EU-Bürgerinnen und -Bürgern bestimmten Schutzstandards unterliegen. Auch wenn sie in einer Cloud gespeichert sind. Das Problem: Viele gängige Cloud-Dienste werden von US-amerikanischen Unternehmen betrieben, die dem US Cloud Act unterliegen. Dieser verpflichtet amerikanische Unternehmen, US-Behörden unter bestimmten Umständen Zugriff auf Daten zu gewähren. Unabhängig davon, ob die Server in Frankfurt oder Dublin stehen. 

    Das bedeutet nicht automatisch, dass Ihre Daten täglich abgerufen werden. Es bedeutet aber, dass Sie keine vollständige Kontrolle darüber haben und dass im Zweifelsfall nicht europäisches, sondern amerikanisches Recht greifen kann. Datensouveränität beginnt mit einer simplen Frage: Wo liegen meine Daten, und wer kann unter welchen Umständen darauf zugreifen? Diese Frage können erstaunlich viele Geschäftsführende nicht beantworten.

  2. Was passiert, wenn der Anbieter die Preise erhöht oder den Betrieb einstellt?

    Vendor Lock-in ist kein Buzzword. Es ist eine reale Situation, in der Sie Ihre Geschäftsprozesse so stark auf ein bestimmtes Produkt oder einen bestimmten Anbieter ausgerichtet haben, dass ein Wechsel faktisch nicht mehr möglich ist. Oder dieser nur noch mit erheblichem Aufwand, Datenverlust und Kosten verbunden wäre. 

    Das passiert schleichend, indem Sie vielleicht mit einer günstigen Testversion einer Software gestartet sind. Ihre Mitarbeitenden lernen die Oberfläche, Prozesse werden darauf aufgebaut und Integrationen vorgenommen. Typisch für ERP-Systeme oder CRMs. Bald ist ein Wechsel nicht mehr bloß aufwendig, sondern geradezu undenkbar. 

    Genau in diesem Moment beginnen manche Anbieter, die Preise zu erhöhen. Microsoft hat seine 365-Lizenzen für Geschäftskunden in Europa zuletzt mehrfach angehoben. Salesforce, Adobe, Zoom - die Liste der Anbieter, die Preiserhöhungen zwischen 15 und 40 Prozent ankündigten, ist in den letzten Jahren länger geworden. Für ein Unternehmen mit 20 Mitarbeitenden können solche Anpassungen schnell tausende Euro im Jahr ausmachen. 

    Die operative Souveränität stellt deshalb die entscheidende Frage: Könnten Sie den Anbieter wechseln, wenn Sie es wollten? Wenn die ehrliche Antwort „nein" ist, haben Sie ein Abhängigkeitsproblem. Auch, wenn aktuell alles reibungslos läuft.

  3. Gibt es Alternativen und was kosten sie wirklich? 

    Hier lohnt ein nüchterner Blick. Ja, es gibt europäische Alternativen zu den großen US-Plattformen. Nextcloud statt OneDrive. IONOS, STACKIT, Hetzner statt AWS oder Azure. Europäische Anbieter wie OVHcloud oder T-Systems positionieren sich explizit mit datenschutzkonformen Angeboten. Wer von Microsoft, Google und Amazon wegmöchte, hat also durchaus Optionen. 

    Allerdings sollte man dabei eines nicht übersehen: Auch der Wechsel zu einem europäischen Cloud-Anbieter ist letztlich der Wechsel von einem externen Anbieter zum nächsten. Aus Perspektive des Datenschutzes ein deutlicher Schritt nach vorn. Die grundlegende Abhängigkeit bleibt aber bestehen: Ihre Daten liegen weiter auf fremden Servern. 

    Wer vollständige Kontrolle anstrebt, kommt um Self-Hosting nicht herum: Software und Daten laufen auf eigener Hardware oder bei einem Dienstleister, den Sie selbst beauftragen und kontrollieren. Lösungen wie Nextcloud, Collabora oder das E-Mail-System Mailcow lassen sich selbst betreiben und bieten dabei ein Maß an Datensouveränität, das kein Cloud-Vertrag erreicht. 

    Die Kehrseite aber ist real: Self-Hosting erfordert technisches Know-how (oder einen guten IT-Dienstleister), regelmäßige Wartung, Backup-Konzepte und Verantwortung für die eigene IT-Sicherheit. Updates, Ausfallsicherheit, Datensicherung und alles, was Cloud-Anbieter im Hintergrund erledigen, bleibt dann beim Betrieb hängen. Für ein Unternehmen mit vielleicht sieben Mitarbeitenden ist das oft kein realistisches Szenario. Ganz zu schweigen von Einzelunternehmer:innen. 

    Die ehrliche Einordnung lautet deshalb: Es gibt kein Modell ohne Abwägung. Cloud bei einem US-Hyperscaler bedeutet maximale Bequemlichkeit bei minimaler Kontrolle. Self-Hosting bedeutet maximale Kontrolle bei maximalem Eigenaufwand. Europäische Cloud-Anbieter liegen dazwischen: rechtlich besser, operativ ähnlich abhängig. 

    Digitale Souveränität bedeutet nicht, um jeden Preis auf Komfort zu verzichten. Es bedeutet, diese Abwägung bewusst zu treffen und sie nicht dem Zufall oder dem bequemsten Weg zu überlassen.

     

Was Berlin tut und was das bedeutet 

 

Es ist kein Zufall, dass das Land Berlin zuletzt eine eigene Open-Source-Strategie verabschiedet hat. Darin bekennt sich das Land zur schrittweisen Ablösung proprietärer Software in der Verwaltung und zur Förderung offener Standards. Das ist kein ideologisches Projekt, sondern ein pragmatisches Bekenntnis dazu, dass digitale Abhängigkeiten ein echtes Verwaltungs- und Haushaltsrisiko darstellen. [Quelle] 

 

Dass eine Großstadt wie Berlin dieses Thema strategisch angeht, ist ein Signal. Es zeigt: Digitale Souveränität ist kein Nischenthema mehr, sondern Teil einer breiteren Debatte darüber, wie Europa, Deutschland, Wirtschaftsunternehmen und Privatpersonen ihre digitale Zukunft gestalten wollen. Wirtschaftsverbände wie der VBKI leisten dabei wichtige Arbeit, indem sie das Thema in die Unternehmenslandschaft tragen und Handlungsrahmen entwickeln. Allerdings richten sich viele dieser Empfehlungen – Multi-Cloud-Strategien, TCO-Analysen, hybride Architekturmodelle – eher an Unternehmen mit einer gewissen Größe und IT-Kapazität. Für den Berliner Kleinbetrieb braucht es niedrigschwelligere Einstiegspunkte. 

 

Genau hier setzt die Digitalagentur Berlin an.

 

Der Anfang einer längeren Auseinandersetzung 

 

Dieser Artikel ist ein Einstieg und bewusst kein abschließendes Urteil und keine Schritt-für-Schritt-Anleitung. Digitale Souveränität ist ein Thema mit vielen Facetten, und jede davon verdient eine eigene, vertiefte Betrachtung.

Die Digitalagentur Berlin wird sich in den kommenden Monaten intensiver mit diesem Thema beschäftigen. Wir werden einzelne Aspekte wie Datensouveränität und DSGVO, konkrete Alternativen zu US-Diensten, Lizenzkosten und Open-Source-Lösungen, in gesonderten Beiträgen vertiefen. Immer mit dem Fokus auf das, was für Berliner KMU tatsächlich relevant und umsetzbar ist. 

 

Besonderes Augenmerk legen wir dabei auf den Aspekt der Anwendbarkeit. Deshalb entwickeln wir zu diesem Thema ganz aktuell ein neues DAB Orientierungsgespräch, in dem wir mit Ihnen zusammen, und natürlich völlig kostenlos, einen Blick in die Abhängigkeiten und die daraus entstehenden Risiken Ihres Unternehmens werfen und Ihnen Alternativen vorstellen wollen, mit denen Sie konkret nächste Schritte planen können.

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Kevin Hofius

Referent Kommunikation IT-Sicherheit