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Wirtschaftsspionage in Handwerk, Dienstleistung & Mittelstand

Kevin Hofius | 29.12.2025

Lesedauer: 10 min

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Wirtschaftsspionage klingt nach Großkonzernen, riesigen Forschungsabteilungen, Patentdiebstahl, kritischer Infrastruktur. Doch nach aktuellen Zahlen sind längst nicht nur Industrie und Hightech betroffen. Studien des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und Bitkom zeigen: Angriffe auf Geschäftsgeheimnisse betreffen Unternehmen aller Branchen. Nicht Forschung, sondern klassische Mittelstandsbranchen wie Logistik, Handel und Kfz-Branche gehören zu den Spitzengruppen.  

 

Branche 

Verdacht (%) 

Angriff (%) 

Verkehr & Logistik 

7,0 

14,0 

Einzelhandel 

5,4 

10,0 

Groß-/Kfz-Handel & Reparatur 

11,0 

13,1 

Verarbeitendes Gewerbe 

9,2 

9,0 

Baugewerbe 

6,4 

7,0 

Beherbergung & Gastronomie 

5,6 

5,0 

Quelle: IAB-Betriebspanel 2024/2025.

https://www.econstor.eu/bitstream/10419/315972/1/1920161422.pdf

 

Mit steigender Größe steigt zwar das Risiko, doch ganze 7,3% - 10,9% aller KMU wurden im vergangenen Jahr aktiv ausspioniert:

 

Beschäftigte 

Verdacht (%) 

Angriff (%) 

1–9 

6,3 

7,3 

10–49 

8,6 

10,9 

50–99 

11,1 

17,5 

ab 200 

17,7 

19,9 

Quelle: IAB-Betriebspanel 2024/2025.

www.econstor.eu/bitstream/10419/315972/1/1920161422.pdf

 

Oft ist das Objekt der Begierde für Angreifer das, was den täglichen Geschäftserfolg ausmacht: Kundendaten, Preisgestaltung, Abläufe, Angebotskalkulationen oder Lieferbeziehungen.  

Viele kleinere Betriebe arbeiten pragmatisch, mit wenig formalen Regeln für IT- und Informationssicherheit. Wissen liegt in Köpfen, lokalen Systemen oder einzelnen E-Mail-Postfächern und lässt sich dadurch leicht abgreifen.

Wer in KMU ausspioniert

In KMU stammt die Bedrohung oft nicht von staatlichen Hackergruppen, wie typischerweise für Großbetriebe und kritische Infrastruktur, sondern aus dem näheren Umfeld:

  • Mitbewerber aus der Region
  • Ehemalige Mitarbeitende mit Wissen und Kundenkontakt
  • Unterauftragnehmer und Partner, die Zugriff auf Daten erhalten
  • Interessierte „Bewerber“, die Informationen sammeln
  • Cyberkriminelle, die Daten weiterverkaufen

 

Digitale und menschliche Angriffe vermischen sich. Ein Trojaner, der Preislisten kopiert, hat dieselbe Wirkung wie ein Ex-Mitarbeiter mit USB-Stick.

Wie Spionage heute abläuft

Wirtschaftsspionage findet zunehmend digital statt. Über dieselben Wege, die auch bei Ransomware oder Phishing eine Rolle spielen. Typisch sind:

 

Manipulierte E-Mails mit passiven „Schnüffel-Tools“ oder Credential-Abgriff

Cloud-Exfiltration über scheinbar harmlose Sync- und Freigabefunktionen

Infizierte Office-Dokumente, die leise Prozesse überwachen statt zerstören

Social-Engineering über Bewerbungen, Praktika oder Partneranfragen

Kompromittierte Appsund Drittanbieter-Software, die Zugriff auf Kontakte, Kamera oder Dateien bekommen

Kurz gesagt: Spionage tarnt sich als Alltag. Sie nutzt Angebote, Ausschreibungen, Bewerbungen oder Serviceportale als Türöffner.

Schwachstellen im Arbeitsalltag kleiner Betriebe

Viele KMU machen kein technisches „Fehler-Management“, sondern kämpfen mit Alltagsrealität:

  • Gemeinsame Mailkonten mit vielen Berechtigten
  • Angebotskalkulationen in ungeschützten Excel-Dateien
  • Kundenlisten auf Mobiltelefonen ohne Geräteschutz
  • Keine klaren Regeln, was Mitarbeiter speichern oder mitnehmen dürfen
  • Externe Partner mit zu vielen Zugriffsrechten
  • Passwörter ohne MFA oder Passkeys

 

Diese Punkte sind selten Absicht oder Nachlässigkeit – sie entstehen, weil Arbeitsabläufe vor Sicherheit gehen. Genau das macht kleine Unternehmen angreifbar.  

Was KMU sofort verbessern können

  1. Zugriffe klar regeln 
    Wer darf was sehen? Rechte nach Funktion, nicht nach Vertrauen vergeben. 
    Kundendaten, Kalkulationen oder Angebote gehören nicht in alle Hände eines Betriebs
  2. Geschäftsgeheimnisse definieren 
    Nicht alles ist ein Geheimnis, aber alles, was wertvoll ist, muss geschützt sein. 
    Kalkulationen, Kundenbeziehungen und Lieferkonditionen sollten ausdrücklich nicht frei zugänglich sein.
  3. Daten schützen  
    Dateien mit Stücklisten, Bauplänen oder Preisblättern sind keine „Office-Dokumente“, sondern Wirtschaftsgüter und sollten entsprechend sensibel behandelt werden.
  4. Digitale Türöffner schließen 
    E-Mail-Zugänge und Cloud-Systeme mit MFA oder Passkeys absichern. Kein Zugriff auf Angebote, Bauzeichnungen, Inventarlisten ohne gesicherten Zugang.
  5. Offboarding verbindlich machen 
    Bei Wechsel von Mitarbeiten sollten Zugriffe unbedingt entfernt, Geräte zurückgesetzt und Geheimhaltung kommuniziert werden. Nicht aus Misstrauen, sondern aus professioneller Routine.

 

Infokasten: KMU-Checkliste Wirtschaftsschutz

 

Bereich Maßnahme Intervall 
Geschäftsgeheimnisse Festlegen, was vertraulich ist (Kalkulationen, Kundenlisten, Abläufe) einmalig + Aktualisierung 
Zugriffsrechte Berechtigungen nach Funktion vergeben, nicht nach Person fortlaufend 
Kommunikation Angebots- und Kundendaten nur über abgesicherte Systeme fortlaufend 
Externe Partner Zugriffe dokumentieren und begrenzen halbjährlich 
Offboarding Zugriffe sofort entfernen, Geräte prüfen bei jedem Austritt 
MFA/Passkeys Zugang zu Mail, Cloud, ERP sichern sofort 

 

Fazit

Wirtschaftsspionage im Mittelstand findet selten im Geheimen statt, sondern nutzt alltägliche Abläufe und pragmatische Arbeitsweisen aus. Besonders gefährdet sind nicht nur Hightech-Unternehmen, sondern Betriebe, deren Erfolg auf Kundenbeziehungen, fairen Preisen und funktionierenden Abläufen basiert. 
Wer diese Informationen schützt, sichert nicht „ein Dokument“, sondern sein Geschäftsmodell.

 

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