Der praktische Einstieg in barrierefreie Websites

16.04.2026
Lesedauer: 5 min
Seit dem 28. Juni 2025 gilt das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz. Konkret bedeutet das, dass digitale Angebote so gestaltet sein müssen, dass Menschen mit Behinderungen sie gleichberechtigt nutzen können, etwa indem Websites mit Screenreadern kompatibel sind, eine verständliche Struktur aufweisen und Inhalte in barrierefreier Form bereitstellen. Gerade für Organisationen mit begrenzten Ressourcen stellt sich hierbei die Frage, wie eine sinnvolle Umsetzung aussehen kann und wo ein erster Schritt ansetzen sollte.
Der internationale Standard
Grundlage für digitale Barrierefreiheit sind die Web Content Accessibility Guidelines, kurz WCAG, herausgegeben vom World Wide Web Consortium (W3C). Viele in Deutschland geltenden Gesetze und Verordnungen zur digitalen Barrierefreiheit beziehen sich auf diesen Standard, auch die EU-Norm EN 301 549, auf der das BFSG aufbaut. Der Standard verfolgt ein klares Ziel, nämlich digitale Inhalte so zugänglich zu machen, dass möglichst viele Menschen sie gleichermaßen nutzen können. Barrierefreiheit wird dabei breiter verstanden, als es auf den ersten Blick scheint. Sie richtet sich an Menschen mit dauerhaften Einschränkungen ebenso wie an Personen, die sich vorübergehend oder situationsbedingt in einer erschwerten Lage befinden, sei es zum Beispiel durch eine Verletzung oder eine laute Umgebung.
Warum die Umsetzung trotzdem schwierig ist
In der Praxis erweist sich die Umsetzung digitaler Barrierefreiheit jedoch häufig als schwierig. Die Umsetzung scheitert dabei selten am Willen, sondern an der Komplexität der Anforderungen. Ein Beispiel dafür sind Alternativtexte. Bilder, Grafiken und Videos müssen grundsätzlich mit einer Textalternative versehen sein, damit Screenreader die Inhalte erfassen und vorlesen können. Die Umsetzung ist jedoch nicht immer eindeutig. Bei einer umfangreichen Bildergalerie oder einer komplexen Infografik stellt sich einem oft die Frage, wie ein Alternativtext gestaltet sein muss, um den Inhalt wirklich gleichwertig zu vermitteln. Eine universelle Antwort gibt es darauf nicht. Die richtige Lösung hängt stets vom Zweck des jeweiligen Bildes und dem Kontext ab, in dem es eingesetzt wird.
Automatische Tests können helfen
Bei der Prüfung digitaler Barrierefreiheit spielen automatische Tests eine wichtige Rolle. Besonders technische Strukturfehler können so gut identifiziert werden, darunter fehlerhafte Überschriftenhierarchien, fehlende Alternativtexte, mangelhafte Farbkontraste oder eine eingeschränkte Tastaturbedienbarkeit. Die inhaltliche Qualität hingegen lässt sich nicht automatisiert beurteilen. Ob Texte verständlich formuliert sind, ob die Reihenfolge von Klickpfaden inhaltlich logisch ist oder ob ein Alternativtext den dargestellten Inhalt wirklich trifft, erfordert einen menschlichen und im besten Fall geschulten Blick. Weiterführende Maßnahmen wie die Bereitstellung von Inhalten in Leichter Sprache oder Deutscher Gebärdensprache fallen bei automatischen Tests zudem grundsätzlich heraus.
Welche Tools sich für den Einstieg eignen
Für die Prüfung digitaler Barrierefreiheit stehen verschiedene kostenlose Tools zur Verfügung, die sich in Umfang und Handhabung unterscheiden. Bookmarklets sind zum Beispiel browserbasierte Programme, die einzelne Strukturebenen einer Website sichtbar machen, ohne dabei eine inhaltliche Bewertung vorzunehmen. Sie richten sich vor allem an Personen mit entsprechendem Vorwissen.
Browser-Add-ons und Web-Anwendungen sind dagegen in der Handhabung zugänglicher. Web-Anwendungen funktionieren über eine einfache Eingabemaske, in die die URL der zu prüfenden Seite eingetragen wird. Browser-Add-ons werden direkt im Browser installiert und lassen sich zur jeweils geöffneten Seite aktivieren. Beide Varianten arbeiten mit ähnlichen Algorithmen und liefern vergleichbare Ergebnisse.
Zu den bekannten Optionen zählen der Silktide Accessibility Checker sowie das Browser-Add-on Axe DevTools von Deque Systems. Axe DevTools gibt seine Ergebnisse auf Deutsch aus und verknüpft sie direkt mit der EU-Norm EN 301-549, die die Grundlage des BFSG bildet. Silktide hingegen bietet eine übersichtliche Darstellung der Ergebnisse, da es Fehler geordnet auflistet, anstatt die gesamte Website auf einmal zu markieren.
Was man nach dem Test machen sollte
Nach dem ersten Check stellt sich die Frage, wie es weitergeht. Viele der gefundenen Mängel lassen sich direkt im Redaktionssystem beheben, ganz ohne technisches Vorwissen. Fehlende Alternativtexte, unklare Linkbeschriftungen oder eine unlogische Überschriftenstruktur sind typische Beispiele dafür. Sobald Eingriffe in den Code notwendig werden, sind Webagentur oder IT-Fachkräfte gefragt. Das gilt etwa für Probleme bei der Tastaturbedienbarkeit oder für Farbkontraste, bei denen Design und Technik eng zusammenarbeiten müssen. Wichtig ist außerdem, dass nicht alles sofort perfekt sein muss. Entscheidend ist, transparent damit umzugehen, was bereits zugänglich ist und wo noch Handlungsbedarf besteht. Genau dafür gibt es die Barrierefreiheitserklärung, die auf derWebsite der Berliner Landesbeauftragten für digitale Barrierefreiheit zu finden ist.
Echte Perspektiven einbeziehen
So hilfreich digitale Werkzeuge bei der Prüfung auch sind, liefern sie allein noch kein vollständiges Bild. Standardisierte Verfahren zertifizierter Prüfstellen, die sich an den Anforderungen der Barrierefreien-Informationstechnik-Verordnung orientieren, bilden hierbei eine wichtige Ergänzung. Doch auch standardisierte Tests haben ihre Grenzen. Sie können die Vielfalt menschlicher Bedürfnisse nur bedingt abbilden. Die aussagekräftigste Form der Prüfung bleibt daher die direkte Einbindung von Menschen mit Behinderungen. Erfahrene Screenreader-Nutzende etwa bewegen sich mit ihren Tools in einem Tempo und einer Selbstverständlichkeit, die sich weder simulieren noch in einem Prüfprotokoll vollständig erfassen lässt. Barrierefreiheit ist also kein einmaliges Projekt, sondern ein kontinuierlicher Prozess und der gelingt am besten, wenn die Perspektiven derjenigen einfließen, für die er gemacht wird.


